KULTUR & TOURISMUS

Comes electronicus

Ein digitaler Guide fürs Freilichtmuseum

 

Pohl im Taunus, an der B260 zwischen Wiesbaden und Koblenz. Vor 1.900 Jahren verlief hier der Limes, die römische Grenze zwischen Germania superior und dem barbaricum. Heute steht hier der Nachbau eines Kastells. Rund 40 ehrenamtliche Mitarbeiter·innen helfen mit, dass der Betrieb im Freilichtmuseum läuft — und das bei ungefähr 12.000 Besuchern pro Jahr, darunter 1.000 Schulkinder. Es ist das einzige römische Kleinkastell am ganzen Limes, dass in Lebensgröße wiederaufgebaut worden ist. 

Dr. Barbara Fischer berichtet, wie der digitale Gästeführer fürs Museum entstand: »Wir waren damit beauftragt, einen digitalen Multimedia-Guide zu konzipieren und umzusetzen. An zehn Stationen – den sogenannten ›pick points‹ – scannen Sie erklärende und unterhaltsame Bilder, Text-, Ton- und Videosequenzen per QR-Code.

Diese liefern Basiswissen und vertiefende Geschichten zur römischen Geschichte und zum Leben im Kleinkastell an der nördlichen Grenze des Imperiums. Jede der insgesamt 80 Sequenzen dauert nur 1-3 Minuten. Sie ziehen sofort hinein in die Römerzeit: Wie lebte ein römischer Soldat um 100 n. Chr. bei uns am Limes? Was aß er? Warum war er Soldat geworden? Was erwartete ihn in seinem Ruhestand? 

Comes | Plural comites, lateinisch für: Begleiter, Gefährte

 

Der comes electronicus wird Ihnen in Ihrem Webbrowser angezeigt. Es handelt sich um eine ›progressive web app‹: Sie müssen also keine App laden, sich nicht registrieren und es werden keine persönlichen Daten erhoben. Die Nutzung des Angebotes ist kostenlos. Im Kastell steht freies W-LAN zur Verfügung.

Umgesetzt wurde die Webapp von uns, der Nastätter Agentur für Unternehmenskommunikation, Lindner & Steffen GmbH und der pickablue GmbH aus Wiesbaden. Die Konzeption, Gestaltung und Texte erstellten Prof. Thomas Steffen (Limeskastell Pohl), von mir und Holger Lindner (Lindner & Steffen). Zur lebendigen Illustration des römischen Lebens an der Grenze stellte Tobias Nettekoven eine Vielzahl hervorragender Fotos zur Verfügung. Der wissenschaftliche Review erfolgte durch Dr. Jens Dolata und Dr. Jennifer Schamper von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesarchäologie.

pickablue fürs Freilichtmuseum 

Als digitale Technik nutzt der neue Gästeführer »pickablue«. Unter diesem virtuellen Dach setzen wir Audioguides, Klänge, O-Töne, Videos, Animationen und digitales Storytelling ein, um die römischen Grabsteine und archäologischen Objekte zum Sprechen zu bringen.

Auf deutsch und englisch: Auch für die internationalen Gäste 

Den Betreibern des Limeskastells war wichtig: Eine englische Version des digitalen Gästeführers — das ist neu in Pohl — wird nun die vor allem britischen und holländischen Gäste informieren. Letztere machen immerhin einen Anteil von 34% bei den Touristen im Rhein-Lahn-Kreis aus. (Zum Vergleich: 10% in ganz Rheinland-Pfalz; Quelle Statistisches Landesamt Bad Ems, 2017). Die Übersetzung übernahm eine Muttersprachlerin, Caroline Taunt aus Filsen. Die Aufnahme erfolgte durch den professionellen englischen Sprecher Mark Ewarts.

Sobald man wieder normal reisen darf, ist das Limeskastell nun für internationale Gäste perfekt gerüstet.
Die pickablue Webapp erkennt, welche Sprache auf dem Handy voreingestellt ist. Somit stellt sich der digitale Gästeführer beim ersten Scan automatisch auf »deutsch« oder »englisch« ein.

Zeigen, was man nicht ausstellen kann

Auch wenn man im Limeskastell schon einmal eine Führung mitgemacht hat, gibt es jetzt ganz neue Facetten zu entdecken. In kurzen Filmen und Animationen (auch Augmented Reality!) zeigen wir Ihnen, was man sonst nicht sehen kann:

Das brennende Feuer in der Soldatenstube.
Wo genau die römische Grenze verlief.
Wie im Ofen Brot gebacken wird. 

Aber auch: Wie schnell man um 90 n. Chr. von Köln nach Mainz reisen konnte. Und wie das Innenleben des Tors aussieht (und warum man es mit nur einer einzigen Hand bewegen kann!).

Wichtig war uns: die einzelnen Grabsteine sind stumm. Daher haben wir Biographien recherchiert, damit die römischen Soldaten ein Gesicht bekommen. In unseren digitalen Filmen und Audios sagen sie ›ich‹. Sie berichten aus ihrem Leben. Dies haben wir aufgrund von neuesten historischen und archäologischen Kenntnissen recherchiert und dann in spannende Texte verpackt. Die Römer bleiben nicht fremd und fern, sondern wir kommen ganz nah ran an ihre persönlichen Schicksale.

Hygienisch ist es außerdem. Den Besuchern sagen wir: Bringen Sie Ihr Smartphone mit, dann müssen Sie nichts anfassen, drücken oder ausleihen. Nur Ihr eigenes Handy. Mit einem Scan des QR-Codes öffnen sich dann die Römer-Filme und Audios.

Mehrwert für die Besucherinnen und Besucher 

Weil Sie im Limeskastell viel anfassen und ausprobieren können, ermöglicht das ein Eintauchen in die Römerzeit. Zusammen bilden das Selbst-Ausprobieren, die persönliche Beratung und das Digitale nun eine ideale Wissensvermittlung für Groß und Klein.

So kann der Besuch in Pohl zur Entdeckungstour werden — vielleicht auch über zwei, drei Besuche hinweg: an mehreren Wochenenden könnten Sie einige der 86 neuen Audio- oder Film-Sequenzen anhören und ansehen, immer wieder einmal.«

Einen kurzen Beitrag sendete das SWR-Fernsehen am 25.3.2021 in der Landesschau.

Zeigen, was man nicht (immer) sehen kann

Im Freilichtmuseum

Ein im Limeskastell ausgestellter Soldaten-Grabstein diente als Vorlage für die römisch nachempfundene Uniform von Thomas Karle (im Bild links). Regelmäßig schlüpft er in die Rolle eines Soldaten am Limes.

Bei Events ist Thomas Karle im Limeskastell Pohl anzutreffen – in eben jener Soldatenkluft. Auch auf den Verpackungen der römischen Leberwurst und auf der Kastell-Webseite ist Thomas Karle als Römer mit seiner Uniform zu sehen.

Für den digitalen Gästeführer hat er extra in einem ausführlichen Video gezeigt, wie man eine römische Uniform anzieht und viele Schichten diese hat.